Nichtwissen

Das Unterbewusstsein* zeichnet sich dadurch aus, dass seine Inhalte dem Bewusstsein* unbekannt sind. Seit Freud* wird deshalb der Versuch unternommen, dem “Unbewussten” auf die Spur zu kommen. Warum es existiert und wie es entstanden ist, ist eine Frage, die in der Regel erst sehr spät aufkommt, denn zunächst ist man vollauf mit den Eigenschaften und Mechanismen dieses geistigen Phänomens beschäftigt. Für Personen, die daran forschen, ist es häufig mit so viel Faszination verbunden, dass sie sich darin verlieren können. Was dazu geführt hat, dass ein Unterbewusstsein entstand, wird dann gar nicht erst in den Blick genommen.

Zwar ist den Menschen schon sehr lange bekannt, dass jeder sozusagen eine zweite Persönlichkeit mit sich führt, dass es sich dabei um etwas Selbständiges handelt, war aber lange nicht real. Nachdem Freud formulierte, dass der Mensch unerfreuliche Dinge verdrängt*, auf die er danach keinen Zugriff mehr hat, begann man damit, sich diesen Dingen gedanklich zu nähern. Allerdings verortete Freud die dem Bewusstsein nicht zugänglichen Daten ins Gehirn, denn er war erklärtermaßen ein Anhänger des Materialismus*. Solche, die das bis heute so sehen, befinden sich in einer Sackgasse, denn sie gewinnen keine neuen Erkenntnisse betreffend das Unterbewusstsein hinzu.

Für den spirituellen Menschen ist es einleuchtend, dass das Unterbewusstsein nicht im Gehirn gefunden und dort auch nicht therapiert oder gar beseitigt werden kann. Hinsichtlich seiner Entstehung gibt es jedoch bisher nur Spekulationen. Da es als geistiges Phänomen angesehen wird, liegt es nahe, dass das Unterbewusstsein durch “Geist” erschaffen wurde. Philosophisch wird die These vertreten, dass die Menschen als geistige Wesen früher eine Einheit waren und das langfristige Ziel haben, irgendwann wieder eine solche zu werden. Manche umschreiben diese Einheit mit einem höchsten Wesen oder mit “Gott”. Das deckt sich mit der Auffassung der Katholischen Kirche. Sie lehrt, dass Adam und Eva zunächst mit Gott eine Einheit bildeten. Durch den “Sündenfall” vollzogen sie eine Trennung. In der Folge begingen die Menschen weitere Verfehlungen, mochten aber nicht ständig daran erinnert werden. Deshalb, so könnte man meinen, schufen sie einen separaten Gedächtnisspeicher, auf den ihr Bewusstsein willentlich keinen Zugriff hat. 

Andere Philosophen fassen es weiter. Sie meinen, dass jedem geistigen Wesen eine Affinität für Spiele (Wettstreit) innewohnt. Im Urzustand, als es nur eine Einheit gab, fehlten dafür die Voraussetzungen. “Geist” könnte also beschlossen haben, sich zu teilen, damit es jemanden gab, mit dem er in den Wettstreit treten konnte. Das alleine reichte jedoch nicht aus, denn Allwissenheit ist kontraproduktiv für Spiele. Wenn der Gegner ein Klon ist, gibt es keine unbekannten Taktiken, Strategien, Tricks usw. Um also Spielebedingungen herzustellen, müsste “Geist” beschlossen haben, die abgetrennten Einheiten in einem Teilbereich mit Nichtwissen auszustatten. Da man jemanden jedoch nicht mit Nichts ausstatten kann, müsste es korrekt heißen, dass ihm der Zugriff auf einen Teil des vorhandenen Wissens entzogen wurde.

Wenn man das zu Ende denkt, müsste es möglich sein, die Entscheidung betreffend das Nichtwissen wieder rückgängig zu machen. Allerdings würden dem Individuum dann schlagartig sämtliche
Ladungen* ins Bewusstsein rücken. Die Reinkarnation* voraussetzend wäre das eine nicht überschaubare Anzahl, die zu einer hoffnungslosen Überwältigung führen würde. Gegen die freigesetzte Energie wäre die Büchse der Pandora möglicherweise nur ein Vorgeschmack. So beschränkt sich der Christ, darauf zu hoffen, durch Gott von allem “Übel” erlöst zu werden. Diejenigen, die sich  darauf nicht verlassen wollen, haben die Vorstellung, selbst tätig werden zu können. Statt sich nach und nach mühsam von Ladung zu Ladung vorkämpfen zu müssen, fasziniert sie die Idee, dass es eine Technik geben könnte, die in der Lage wäre, mit einem Schlag das Nichtwissen durch Wissen zu ersetzen. Dieses müsste nicht neu erschaffen werden, denn es ist im Unterbewusstsein bereits vorhanden. Als Metapher brauchte lediglich eine Datenverbindung neu hergestellt zu werden. Die Idee ist leider insofern nicht schlüssig, als nur der ein Postulat* aufheben kann, der es selbst erschaffen hat.

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