Geistige Freiheit  

Sie ist in der Scientology-Organisation der Zentralbegriff, um den sich alles dreht. Geistige Freiheit liefern zu können, ist gewissermaßen die selbst erklärte Daseinsberechtigung. Sie wird jedem versprochen, der sich auf die Organisation einlässt. Die Vorstellung, irgendwann diese Freiheit zu erreichen, ist das Hauptmotiv für Personen, die sich vertraglich verpflichten, in der Organisation als Mitarbeiter tätig zu sein. Dass sie dabei materielle Entbehrungen und Demütigungen in Kauf nehmen müssen, ist ihnen zunächst nicht bekannt. Ihnen wird bei Vertragsabschluss gesagt, dass sie als Mitarbeiter durch regelmäßige Ausbildung und durch Auditing (kostenlos) diese Freiheit erreichen werden. Wer die dortigen Arbeitsbedingungen nicht aushält und vorzeitig das Weite sucht, fällt augenblicklich in Ungnade. Er gilt dann als “Freeloader” (Schmarotzer) und wird aufgefordert, wegen Vertragsbruchs jegliche bereits erhaltenen Dienstleistungen nachträglich zu bezahlen. Dazu ist selten jemand in der Lage. Als Mitarbeiter hat er kaum oder gar keinen Lohn erhalten und musste in seiner Freizeit meist stundenweise herkömmlich arbeiten, um überleben zu können. Ausreichend Schlaf wurde für ihn zum Luxus. 

Geistige Freiheit erreichen zu können, fasziniert aber auch solche, die, ohne Mitarbeiter zu sein, die Dienste der Organisation regelmäßig in Anspruch nehmen und dafür enorme Geldbeträge einzahlen. Sie werden organisationsintern als “Publics” bezeichnet, sind also Personen aus der Öffentlichkeit. Diese unterwerfen sich strikten Regeln, die zum Beispiel die Trennung von Personen beinhalten, die Scientology kritisch gegenüber stehen. Das kann sogar der eigene Ehepartner sein. Wer sich solchen Forderungen nicht unterwirft, wird zum Ethikfall und bei dauerhafter Weigerung aus der Organisation hinausgeworfen.

Kurios ist, dass beide Personengruppen gegenwärtig eine Beschneidung ihrer Freiheiten hinnehmen, um in einer unbestimmten Zukunft mehr Freiheit zu erreichen. Kurios um so mehr, als sie auf Befragen so gut wie nie erklären können, was “geistige Freiheit” eigentlich bedeutet. Sie betrachten es als etwas sehr Erstrebenswertes, geben diesem Ziel absolute Priorität und sind (als Publics) häufig bereit, sich dafür notfalls hoch zu verschulden. Dennoch können sie “geistige Freiheit” in aller Regel nicht definieren. Meist beschreiben sie es als einen Zustand, der glücklich macht. Sie formulieren das so, weil sie wissen, dass sie selbst derzeit nicht glücklich sind.

Jedem Scientologen wird immer wieder eingehämmert, dass geistige Freiheit nirgendwo sonst zu erreichen ist. Zeigt sich jemand aufmüpfig, wird ihm damit gedroht, dass er damit seine geistige Freiheit aufs Spiel setzt. Ihm wird suggeriert, dass er ohne diese Freiheit auf ewig verloren sei. Da Scientologen die Reinkarnation* als Tatsache ansehen, ist  “ewig” für sie zeitlos. Fast alle nehmen das sehr ernst. Manche überkommt sogar Panik bei der Vorstellung, dauerhaft von dieser Freiheit ausgeschlossen zu sein. Deshalb fühlen sich solche Personen psychisch an die Organisation gefesselt und kommen nur noch selten wieder von ihr los.

Definition:
Geistige Freiheit bedeutet das Nichtvorhandensein von Fremdbestimmung. Der Mensch ist in vielerlei Hinsicht fremdbestimmt. Auch dann, wenn er sich als Einsiedler völlig von Anderen absondert. Die meisten Personen sind sich dessen bewusst, ohne erklären zu können, was die Ursache ihrer Fremdbestimmung ist. Diese wird zum Beispiel sichtbar, wenn sie in einen Erregungszustand geraten und dann Dinge sagen oder tun, die sie in Schwierigkeiten bringen und für die sie sich später schämen. Jeder Konflikt mit Anderen oder mit sich selbst ist fremdbestimmter Natur. Wer unter einer
Depression* leidet, ist massiv fremdbestimmt. Ganz deutlich erkennbar ist der Mechanismus beim Kriminellen. Obwohl er als Individuum von Natur aus gut ist, veranlasst ihn die Fremdbestimmung, bösartig zu handeln und dabei Anderen zu schaden.    
 
Verursacht wird Fremdbestimmung durch die
Postulate* eines Menschen. In seinem Unterbewusstsein verankerte Entscheidungen, die sich auf sein gesamtes Leben auswirken. Dass diese Entscheidungen vom Individuum meist selbst getroffen wurden, ist kein Widerspruch. Entscheidend ist, dass es jetzt keine Kontrolle mehr darüber hat. Postulate bestimmen nicht nur das Denken und Handeln, sondern unmittelbar auch die Emotionen. Der emotionale Zustand einer Person ist ein zuverlässiger Indikator für das Maß an Fremdbestimmung, der sie unterliegt. Der Beitrag Tonskala* beschreibt den Zusammenhang zwischen Emotion und geistiger Gesundheit. Ob ein Gegenüber herzlich, hilfsbereit, ehrlich, liebenswert usw. ist - oder ob der Betreffende sich durch Streitsucht, Feindseligkeit, Hass, Unehrlichkeit, bösartiges Handeln usw. auszeichnet, dokumentiert sich stets in seiner aktuellen Emotionsstufe. Wer gelernt hat, die chronische Tonstufe seines Gegenübers zu erkennen, weiß zuverlässig, was er von diesem zu erwarten hat.

Erstrebenswert ist eine sehr hohe und stabile Position auf der Tonskala. Sie bedeutet ein Optimum an Freiheit und ist damit die Voraussetzung für echtes “Glücklichsein”. Dies wird erreicht durch eine Entfernung der überlebensfeindlichen Postulate. Wer nicht glücklich ist, ist nicht fähig, die Tonskala hinaufzugehen.

Ist jemand häufig oder chronisch krank, hat er wiederholt Unfälle, immer wieder “Pech im Leben”, ist er depressiv oder hat er Suizidgedanken, geht es ihm grundlegend schlecht. Wer stets “mies drauf” ist, wird von Anderen gemieden, denn sie spüren instinktiv, dass geistig etwas nicht mit ihm stimmt. Und dem Betroffenen ist es vielfach selbst sehr real, denn er spürt, dass er nicht glücklich ist. Er sieht seine Umwelt negativ und hat dadurch keinen optimistischen Lebensausblick. Ihm ist bewusst, dass er aus eigener Kraft daran nichts ändern kann. Sofern er noch nicht vollständig resigniert hat, hält er jedoch sachkundige Hilfe für möglich. 

Das Dilemma besteht jedoch darin, dass sachkundige Hilfe in unserer Gesellschaft praktisch nicht verfügbar ist. Herkömmliche Psychotherapie scheitert fast immer, weil sie nach Geschehnissen im Leben des Patienten sucht, die sie als ursächlich für den gegenwärtigen Zustand ansieht. Die Suche beschränkt sich in aller Regel auf die Zeit der Jugend und Kindheit. Manche glauben auch, durch die Deutung von Träumen an die Wurzel des Übels zu gelangen, wobei vielfach Symboliken als bedeutsam angesehen werden. Hubbard* bezeichnete Psychologen generell als Betrüger, weil sie seiner Meinung nach genau wüssten, dass sie nicht helfen können. Die von Ärzten praktizierte Psychoanalyse* hat einen ähnlich zweifelhaften Ruf. Beide suchen die Ursachen als im Gehirn gespeicherte Informationen. Den meisten ist es nicht real, dass sie es mit einem geistigen Wesen zu tun haben, dem Ereignisse und Entscheidungen zu schaffen machen, die (sehr) viel früher als in diesem Leben zu finden sind.    

Mit dem, was die Scientology-Organisation als Hilfe anbietet, bleibt das Erreichen von Glücklichsein dem Zufall überlassen. Zwar hatte Hubbard erkannt, dass Postulate die Ursache psychischer Probleme sind, aber er stand dem systematischen Finden und Beseitigen von Postulaten aller Art weitgehend ratlos gegenüber. Er war in seinen aktiven Zeiten (bis 1978) nicht imstande, zufriedenstellenden Techniken dafür zu entwickeln. Stattdessen enthält seine Brücke* viel verzichtbaren Ballast. Der professionelle Auditor, der sich heute mit dem Finden und Beseitigen überlebensfeindlicher Postulate beschäftigt, braucht viel Erfahrung und Verständnis für den Gesamtzusammenhang. Er muss die Mechanismen des Unterbewusstseins kennen und alle “technischen” Abhilfen beherrschen. Solche Auditoren gibt es, aber sie sind rar. Lesen Sie dazu den Beitrag Technikmängel*, Nr.1, Abschnitt h.   

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